Wo bleiben die Ergebnisse? Klimapolitik der Wallonie

Eine Ankündigung macht noch kein Ergebnis

Klimapolitik der Wallonie kritisch unter die Lupe genommen

Anlässlich der Klimakonferenz von Paris konnten alle zufrieden aufatmen. Endlich war ein Abkommen erzielt worden. Die formulierten Ziele waren ehrgeizig. Alle Welt befand sich in Feierlaune. Nun ist die Zeit gekommen, so E. Stoffels, dass hinterfragt wird, wie viel von den Klimazielen angepackt oder umgesetzt werden konnte. „Mehr Schein als Sein“, schlussfolgert er mit einem kritischen Blick auf die Wallonie, die für den südlichen Landesteil einen Großteil der Ziele zu substantiellen Ergebnissen bringen muss.

Haben wir eine kohärente Strategie zum Schutz des Klimas? Oder handelt sich um einen Katalog frommer Absichten? Inwieweit wurden die einzelnen Etappen mit konkreten Daten versehen, damit für 2030 das Gesamtziel erreicht werden kann? Oder wurschteln wir uns von Legislatur zu Legislatur durch, und werden in 2029 feststellen, dass es nun doch an der Zeit ist, konkret zu handeln? Wurden die einzelnen Vorhaben mit einem Budget versehen, dessen Höhe ausreicht, substantielle Ergebnisse einzufahren? Oder wird die Budgetierung stets auf das darauffolgende Jahr vertagt, sodass der vor sich hergeschobene Schneeball immer grösser wird? Diese Fragen sind berechtigt, wenn man sich vor Augen führt, was trotz hehrer Ankündigungen bis dato angepackt wurde in Bereichen wie Landwirtschaft, Wohnungsbau, Mobilität, Industrie und Gewerbe – um nur diese zu nennen.

Im Bereich der Energiepolitik ist rasches und ergebnisorientiertes Handeln gefragt, wenn wir das Versprechen des Ausstiegs aus den fossilen Energien und den Ausstieg aus der Atomkraft wirklich ernst nehmen. Politische Absichtserklärungen füllen alle Zeitungen, doch wie steht es um die Ergebnisse? Die Energiepolitik ist einer der zentralen Bereiche, um Treibhausgas-Emissionen zu senken und Klimaerwärmung einzudämmen. Insgesamt wird es darum gehen, dass nicht nur Energie in Form von Strom sondern auch in Form von Hitze (Heizung, Backofen, Wäschetrockner…)  oder Kälte (Gefriertruhen, Kühlschränke …) eingespart respektive auf regenerativer Basis erzeugt wird. Ein Vorschlag in sieben Etappen (dieser Vorschlag ist ferner ein ambitioniertes Konjunkturprogramm) :

  1. Energie einsparen, wo es möglich ist.

Beispiel Wohnungsbau: 30 % der bestehenden Wohnungen erhalten ein sehr schlechtes Energiezertifikat. Weitere 30 % der Wohnungen verfügen über ein Energiezertifikat, das zu wünschen übrig lässt. Allein diese Wohnungen (bis zu einer Million Wohnungen insgesamt) gegen Wärmeverluste zu dämmen, gilt als eine Mega-Herausforderung, die nicht mit einigen Millionen zu bewältigen ist. Darüber hinaus ist ein ambitioniertes Wohnungsbauprogramm nicht nur in der Lage, Treibhausgas-Emissionen zu senken (bis zu 35 % aller Treibhausgase werden durch Wohnungen und Dienstleistungsgebäuden ausgestoßen), sondern ist auch ein Konjunkturprogramm, das den Betrieben und den Arbeitern Jobs verschafft und das die Kaufkraft der Haushalte schont und somit langfristig gegen Armut schützt.

Auch in einem anderen Bereich wie der Mobilität gilt es, sich den Herausforderungen zu stellen und den Haushalten zu helfen, mittelfristig vom fossilen Verbrennungsmotor auf klimafreundliche Antriebstechniken umzustellen. Es gilt aber auch, den ÖPNV (Bus, Zug,..) sowie den sanften Verkehr (Fahrrad, Ravelverbindungen…) zu fördern.

Bereiche, Energie einzusparen, gibt es noch viele mehr. So gelten z.B. die Branchenabkommen als ein gutes Mittel, dass Betriebe mehr in Energieeffizienz und Energieeinsparung investieren. Doch darf uns die Statistik nicht täuschen, denn der globale Energieverbrauch sinkt nicht vorrangig, weil Energie eingespart wird, sondern weil die Hochöfen der Stahlindustrie einer nach dem anderen still gelegt wird. Das ist nun wahrlich kein Ergebnis, auf das wir stolz sein sollten, denn es kostet Arbeitsplätze indes der Energieverbrauch in Billiglohnländer verlegt wird.

  1. In regenerative Energien investieren

Im Jahr 2014 betrug der Beitrag der regenerativen Energien in der Wallonie etwa 13 TeraWattStunden (TWH) – hauptsächlich Hitze und Strom aus Biomasse, Windkraft und in geringerem Maß aus Photovoltaik. Diese 13 TWh stellen 10,8% des Gesamtverbrauchs dar, obwohl bis 2020 die Marke von 13 % angepeilt wird. Wo werden wir 2030 und wo 2050 stehen, wenn man bedenkt, wie viel Zeit vergangen ist, um diese 10,8% zu erreichen?

Wobei die regenerative Hitzeerzeugung mit 60% den Löwenanteil ausmacht, gefolgt von Strom mit 28 % und Biotreibstoffen mit 11%.  Was den Strom anbelangt, haben Windkraft und Wasserkraft inzwischen die Pole-Position der Erzeuger besetzt. Dabei liegt die Gesamtproduktion auf regenerativer Basis  bei 3,8 TWh (2014). Nur werden neue Windkraftanlagen immer mehr mit dem Nimby-Effekt konfrontiert : jeder will saubere Energie, aber nicht, wenn sie vor der eignen Haustür erzeugt wird.

Die regenerativ erzeugte Hitze beträgt 7,8 TWh (2014), erzeugt vorrangig in Verbrennungsanlagen, Wärmepumpen (die Erdwärme nutzen), Solaranlagen (für Warmwasser) oder Geothermie (Tiefenbohrungen). Alle diese Quellen zusammen, ergeben etwa 3% des gesamten Energieverbrauchs im Bereich Hitze/Kälte (Temperaturen). Anhand dieser Zahlen soll lediglich illustriert werden, dass die Anstrengung erste Früchte trägt, dass aber der Weg bis hin zum Erreichen der Klimaziele für 2030 noch sehr, sehr lang ist. Experten sagen zudem, dass jede Investition, die von  heute auf nach 2030 vertagt wird, um ein Vielfaches mehr kostet, weil dann, wenn alle den Klima-Endspurt einlegen, die Konkurrenz die Preise in die Höhe treiben kann.

  1. Die Verknüpfung der europäischen Märkte anstreben

Wer von Energie redet, redet gleichzeitig vom Transport der Energie. Es wird folglich darauf ankommen, die Netze so auszubauen, dass sie den Herausforderungen gewachsen sein werden. Eine dieser Herausforderungen wird darin bestehen, dass in dem Maß, wo fossile Energie abgebaut werden, der Stromverbrauch an Bedeutung zunimmt. In ihrer aktuellen Form sind die Netze überfordert, die Mengen Strom vom Erzeuger bis zum Verbraucher zu bringen. Eine weitere Herausforderung besteht darin, dass Energie jederzeit und überall in zuverlässiger Form bereit steht, obwohl die regenerativen Energiequellen als unbeständig gelten. Der Strom fließt, wenn die Sonne scheint oder wenn der Wind bläst, aber die Maschinen laufen durchgehend und dulden keinen Stillstand.

Nun kann man davon ausgehen, dass in Europa immer irgendwo regenerative Energie erzeugt werden kann, sodass der Engpass auf der einen Seite durch Verknüpfung der Transport- und Verteilernetze ausgehend von der anderen Seite ausgeglichen werden kann. Nord- und Ostseestrom (Windkraft) und Solarstrom (aus Südeuropa) können bei Bedarf hin und her geliefert werden, sodass die lokal auftretende Unbeständigkeit großflächig ausgebügelt werden kann.

Ferner hat Belgien bisher bei Engpässen immer wieder Energie (Strom) importieren müssen, meist aus Atomkraftwerken aus Frankreich und meist zu sehr teuren Bedingungen, wie sie auf dem Spot-Markt eben existieren. Daher hat der Stromtransporteur Elia beschlossen, Verbindungen in Richtung England, Holland  und Deutschland einzurichten, mit dem Ergebnis, dass durch besseren Wettbewerb einerseits nicht nur Atomstrom eingekauft wird und dass die Preise demokratischer ausfallen (denn am Ende zahlt immer der private oder der berufliche Kunde, was einerseits die Kaufkraft und andererseits die Wettbewerbsfähigkeit strapaziert). Eine weitere Transportleitung (Allegro II) Richtung Deutschland ist nun in der Diskussion, um sich der innerdeutschen Transportleitung von Nord (Windkraft) nach Süd (Solarstrom) anzuschließen. Die Kooperation innerhalb der EU wird von einigen kritisch gesehen, weil dadurch die energetische Abhängigkeit grösser werde. Doch muss man unterscheiden zwischen Energieimporten aus einem EU-Partnerland und Energieimporten aus Sibirien (Erdgas).

  1. Gasanlagen oder Schwarmstrom als Übergangsszenario

Wer es darauf ansetzt, die Ziele von 2030 oder von 2050 allein mit regenerativen Energiequellen erreichen zu können, riskiert enttäuscht zu werden, wenn er nicht ein Übergangsszenario dazwischen schaltet.  Ein solches kann darin bestehen, dass Mega-Gaskraftwerke in die Bresche springen. Bei der Verbrennung von Erdgas wird immer noch fossile Energie verbraucht, jedoch entstehen dabei deutlich weniger Problemstoffe (z.B. Stickoxyde, Feinstaubpartikel, weniger Treibhausgase wie CO²), welche die Luftqualität und das Klima belasten. Ein solches Vorgehen wird umso mehr erforderlich sein, als Belgien nicht nur aus den fossilen Energien sondern gleichzeitig auch noch aus der Atomkraft aussteigen muss. Und bisher ist sehr viel Zeit verstrichen, ohne dass die Beschlüsse zum Ausstieg aus der Atomkraft wirklich ernsthaft vorangetrieben wurden. Jede zeitliche Verzögerung rächt sich nun, da nun schneller agiert werden muss und dies die Kosten in die Höhe treibt. Gaskraftwerke haben darüber hinaus den Vorteil, dass sie je nach Bedarf schnell runter und hochgefahren werden können, sodass die Unbeständigkeit der regenerativen Energiequellen weniger störend wirkt. Gleichzeitig ist die Energieausbeute aus der Primärenergie besser, da nicht nur Strom sondern auch die Hitze nutzbar ist.

Jedoch könnte auch daran gedacht werden, kleinere Biomassekraftwerke miteinander zu verkoppeln, sodass sie gemeinsam – sozusagen im Schwarm – Energie dann liefern können, wenn Bedarf angesagt ist. Wobei hier zu berücksichtigen ist, dass der Rohstoff Holz zahlreichen Industrien zur Verfügung stehen muss (Papierproduktion, Möbel, Verpackungen, Baustoffe usw.) und nicht nur verbrannt werden darf. Wenn aber per Funksignal hunderte solcher Kleinanlagen synchron und je nach Bedarf gestartet werden können, erlaubt dies, flexibel auf die Nachfrage zu reagieren. Zusammen gerechnet ergeben hunderte Kleinanlagen die Leistung eine Großanlage, auf das richtige Informatikprogramm kommt es an. Auch hier kann man von einer verbesserten Energieausbeute ausgehen.

  1. Die Nachfrage steuern

Es wird ebenfalls von Bedeutung sein, dass die Nachfrage so gesteuert wird, dass Angebot und Nachfrage besser zueinander passen. Im Klartext : in Momenten mit einem Überangebot an Strom im Netz riskiert dieses zu kollabieren (zu überhitzen). Durch Heraufsetzung des Spannungsunterschieds kann man begrenzt dem Phänomen begegnen, doch nur solange, wie die Maschinen den Spannungsunterschied aushalten. Es wollte z.B. daran gedacht werden, dass neben dem Doppeltarif (Tages- und Nachtstrom) ein Mehrfachtarif eingerichtet wird, bei dem der Kunde durch Billigstrom dazu angehalten wird, diesen zu nutzen, kurz bevor der Punkt der Überhitzung erreicht ist. Warum soll die Waschmaschine nicht dann drehen, wenn Strom im Überfluss im Netz ist? Die Lösung ist machbar, indem die Haushaltsgeräte so eingestellt werden, dass sie entweder ab einer festgelegten Uhrzeit oder per Smartphone in Gang gesetzt werden.

Wenn der Verbrauch auf diese Weise gesteuert werden kann, dürfte es möglich sein, dass der Spitzenverbrauch (morgens und abends) entlastet und die tägliche Verbrauchskurve geglättet wird. Diese Synchronisation könnte dazu führen, dass Anlagen, die gerade zu Spitzenzeiten drehen müssen, abgeschaltet werden können, indem der Energieverbrach auf andere Zeitpunkte verlegt wird, indem der Tarif zu Zeiten des Spitzenverbrauchs eben ein Billigtarif ist. Auch die Netze profitieren davon, da sie Ausbau-Investitionen einsparen, die nötig sind, um die Netze vor dem Kollaps zu schützen.

  1. In die Speicherung der Energie investieren

Es gibt mehrere Arten, Energie zu speichern. Die klassische Form, Strom zu speichern ist die Batterie. Doch riskiert man dabei, den einen Teufel aus dem Haus zu jagen und einen anderen (ein  riesiger Berg an Batteriemüll) zu sich einzuladen. Ferner ist die Speicherung in Batterien von kurzfristigem Interesse, um z.B. den tagsüber erzeugten Strom (Photovoltaik) nachts zu nutzen (wenn die Kühltruhe immer noch Kälte produziert). Sie ist jedoch kaum geeignet, Energie von einer Jahreszeit (Sommer) auf eine andere (Winter) zu transferieren. Hier eignet sich die Umwandlung von Strom in Gas (Wasserstoff, der per Elektrolyse erzeugt wird, oder Ammoniak als Treibstoff) besser : im Sommer kann per Photovoltaik der Brennstoff erzeugt werden, der im Winter das Haus mit Strom und Hitze versorgt (mit Hilfe klassischer Wasserstoffmotoren). Es wäre dies darüber hinaus eine elegante Form, Energie, die im Sommer im Überschuss erzeugt wird, im Winter zu nutzen, statt sie  ins Netz einzuspeisen oder sie zu verpulvern. Im Übrigen kann Wasserstoff auch im Bereich der Fortbewegung per Auto eingesetzt werden und bietet eine attraktive (wenn z;Z. auch noch teure) Variante zum fossilen Brennstoffmotor, wobei die Anschaffungskosten sich langfristig über den billigeren Verbrauch an Energie aus Eigenproduktion ausgleichen.

  1. Liebgewonnene Gewohnheiten überdenken

Ein Beispiel : Die meisten Arbeitgeber erklären sich dazu bereit, mehr für den Klimaschutz tun zu wollen. Aber kaum einer bietet seinen Mitarbeitern an, anstelle eines Firmenautos (Benziner, Diesel) eine Hilfe bei der Wärmedämmung der Wohnung zu gewähren. Firmenautos sind meist Lohnzusätze, bei denen keine Sozialabgaben zu leisten sind. Und die Bekundungen stehen nicht selten im Widerspruch zur Praxis. Firmenautos stehen meist nur bestimmten Mitarbeitern zur Verfügung. Warum nicht Hilfen für Wärmedämmung für alle Mitarbeiter? Warum nicht auch Abonnements für alle zur Nutzung der kollektiven Transportmittel (Zug, Bus, Tram…)?

Anderes Beispiel : warum nicht konsequent die passive Nutzung der Sonnenenergie beim Bau nach vorne bringen. Die Nutzung des Prinzips der thermischen Trägheit sorgt im Sommer für kühle Räume (trotz Hitze draußen) und im Winter für Behaglichkeit (trotz Frost und Kälte). Eine optimale Nord-Süd-Ausrichtung der Wohnung kann helfen, Energie zu nutzen, die kostenlos zur Verfügung steht. Dachüberstände oder Begrünung als Möglichkeiten der Beschattung (anstelle von Klimaanlagen) wären ein Ziel, das es zu honorieren gilt. Diese Prinzipien ebenso in die Gesetzgebung einarbeiten, auf deren Grundlage Baugenehmigungen erteilt werden, wie  die Fragen der Wärmedämmung oder der Luftdichtigkeit der Gebäudehülle (was wiederum dazu führt, dass Ventilation eingebaut werden muss) wäre wichtiger als die endlosen Diskussionen über Fassadenanstricht, Dachüberstände oder Kellergaragen.

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