Bildungsgerechtigkeit

Bildungsgerechtigkeit

Bildungsgerechtigkeit kann man auch studieren anhand der Lebensverläufe derer, die heute im Beruf stehen. Viele Schulen machen dies spontan, indem sie der Frage nachgehen, was aus ihren Ehemaligen geworden ist. Allerdings konzentriert die Frage sich hierbei mehr auf den Input und den Output, ohne zu hinterfragen, welche anderen Faktoren dazu beitragen, dass der eine zum Erfolg geführt wird während der andere in seiner Laufbahn eher „hängen bleibt“.

In Miniatur kann dieser Frage nachgegangen werden, wie oft und zu welchen Zeitpunkten ein Schüler im Verlauf seiner Schullaufbahn doppelt. Laut Statistiken der DG ist die Dopplerquote beachtlich. Stellt man die Frage nach dem Huhn und dem Ei, bzw. nach Ursache und Wirkung, so befindet man sich meist bei der Frage nach dem Arbeitsverhalten des Schülers bzw. nach der individuellen Leistungsbereitschaft, seltener jedoch nach dem sozialen, bzw. gesellschaftlichen Hintergrund.

Und noch seltener bei der Frage, inwieweit und nach welchen Gesichtspunkten Schulen ihre Schüler unterschiedlich rekrutieren – sei es durch ein umfassenderes oder beschränkteres Bildungsangebot, sei es durch spezielle Imagepflege. Zugespitzt gefragt, gibt es in der DG die „Schule für die Dummen“ und die „Schule für die Guten“? Wahrscheinlich ruft die Frage den Protest derer herauf, welche die Frage am meisten befürchten. Aber sie sei gestellt.

Soziale Herkunft mitentscheidend über Bildungserfolg

Dass die soziale Herkunft mitentscheidend über den Bildungserfolg des Kindes ist, dürfte seit Jahrzehnten schon zum Allgemeinwissen gehören. Die wesentliche Prägung des Kindes erfolgt in den ersten Lebensjahren. Hier werden Lebensverläufe und Weichenstellungen modellhaft festgelegt. Ein längeres und gemeinsames Lernen der Schüler einer Jahrgangsstufe hat weder zu größerer Bildungsgerechtigkeit noch zu nachhaltigeren Lernerfolgen geführt.

Die Frage muss  folglich anders gestellt werden: inwieweit hat die Reaktion des Bildungssystems auf die  jahrzehntealte Feststellung vom Ergebnis her dazu geführt, dass mehr Bildungsgerechtigkeit entstehen konnte, bzw. dass nicht mehr die soziale Herkunft den Bildungsverlauf bestimmt (oder dies weniger tut als früher)? International haben die aufeinanderfolgenden PISA-Erhebungen immer wieder darauf hingewiesen, dass diese Frage immer noch aktuell ist. Wie sieht es in der DG aus? Wie hoch ist die Zahl der Ausbildungsabbrüche? Wie hoch die Zahl der Berufsausbildungen, die Jahre später die Grundlage für lebenslanges Lernen legen? Wie hoch die Quote  derer, die ein Hochschulstudium beginnen und mit Abschlussdiplom beenden? Wie hoch…. ?

Es ist eigentlich sträflich, dass die Deutschsprachige Gemeinschaft seit der Übernahme der Zuständigkeit (1989) der Frage eher gar nicht als halbherzig nachgeht, inwieweit die Ausübung dieser Kernkompetenz zu Ergebnissen kommt, die dazu beitragen, sozial ungleiche Startbedingungen auszugleichen. Immer wieder hört man Klagen über rückläufige Fremdsprachenkenntnisse, über schwächere Leistungen in den Bereichen Mathematik oder Muttersprache (um nur diese Beispiele zu nennen). Da müsste doch das Interesse hoch sein zu ergründen, warum dem so ist. Bzw. warum dies nach so viel Jahrzehnten immer noch so ist.

Kritische Momente im Verlauf einer Schullaufbahn

Dabei sei davor gewarnt, mit dem Finger des Gerechten auf die Schule als allein zuständigen Faktor zu weisen. Wenn es um den Übergang von einer Bildungsstufe in die nächste geht, also um die risikobehafteten Entscheidungen bei Schulabschluss, dann tritt der Einfluss der Schule mehr in den Hintergrund indes die familiären Ressourcen bei der Planung des weiteren Schul- und Berufsbildungsverlaufs mehr in den Vordergrund rücken. Die Frage sei gestellt: was genau geschieht in diesen kritischen Momenten? Und was beeinflusst die Entscheidungen? Und wie wechselwirken Schule und Elternhaus in diesen Phasen, wenn es darum geht, die Grundlage für berufliche Chancen oder kulturelle Erfahrungen zu legen? Was kann die Schule, was soll die DG unternehmen, um in diesen kritischen Phasen die soziale Selektivität zu verringern? Welche Hilfen bietet sie an, damit Eltern und Kinder die Chancen des Bildungswesens nutzen können, bzw. um vorhandene Unterschiede auszugleichen?

Abitur, und was dann? Sofortiger Einstieg in den Beruf ? Eine anschließende Lehre als Geselle plus? Eine Hochschulausbildung? Damit verbunden ist die Frage nach dem heutigen Stellenwert des Abiturs. Hieß es noch vor Jahren, dass ein bildungspolitisches Ziel erreicht hat, wer über einen Mittelschulabschluss verfügt. Die Chance, eine Arbeit zu finden, war groß. Heute befinden sich zahlreiche der älteren Arbeitnehmer mit Primar- oder Mittelschulabschluss in der Arbeitslosigkeit und ohne echte Chancen, eine neue Perspektive aufbauen zu können. Es muss heute schon mindestens ein Abitur sein, und zzgl. einige Jahre an Berufserfahrung. Wer kann als junger Arbeitnehmer diese aufweisen? Und wie viele erreichen das Abitur (es ist nicht die Sprache von denen, die eine Lehre absolviert haben)? Und welches ist der Wert des (allgemeinbildenden, technischen oder beruflichen) Abiturs? Der gesellschaftliche und vor allem der Wert eines Abiturdiploms bei der Suche nach einem Arbeitsplatz?

Nicht jeder kann eine akademische Laufbahn einschlagen

Der Wert eines Abiturs liegt natürlich nicht nur darin, auf ein spezielles Studienfach vorzubereiten. Er liegt auch in der Vermittlung einer breiten Allgemeinbildung sowie von Fähigkeiten, die im praktischen Beruf oder in akademischen Ausbildungsgängen gefordert werden. Der Wert des Abiturs liegt daher nicht nur darin, formal als Ausweis für eine Hochschulberechtigung zu dienen.

Kein Abschluss ohne Anschluss, heißt eine der wesentlichen Forderungen. Was, wenn nicht das Abiturdiplom kann denn als Ausweis dienen, anhand dessen die Einschreibung in eine Hochschule akzeptiert werden soll? Die Frage lautet, wie und auf welcher Basis der Übergang von einem auf das nächst höhere Niveau organisiert werden kann. Wer Hochschulprofile verwischt, nimmt Qualitätseinbußen in Kauf. Durch eine Aufweichung von Anforderungsprofilen kann es sein, dass mehr Studienanfänger den Zugang zur Hochschule erreichen. Dann aber ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Abbruchquoten steigen. Und es verschärft sich eine weitere Herausforderung, nämlich diejenige, die Abbruchquoten zu mindern.

In abgewandelter Form stellte sich genau diese Frage beim Studium der Medizin. Was ist besser: den Zugang zur Medizin anhand verschärfter Aufnahmetests zu kontingentieren oder anhand des Ergebnisses nach einem Jahr Studium festzulegen, wer weiter Medizin studieren und wer eine andere Option wählen sollte? Bleibt ferner die Frage, ob derjenige der bessere Arzt sein wird, der den Test mit Bravour bestanden hat? Wieviel sagt ein solcher Test über die praktischen oder ethischen Fragen aus, die ein Mediziner täglich zu bewältigen hat?

Berufliche Vermittelbarkeit

Effizienz ist ein Stichwort, das mehr und mehr Einzug in die Organisation von Ausbildungsgängen hält. Bildung gilt damit als ein Gut, das von all dem entrümpelt werden muss, das später im Beruf keinen praktischen Nutzen hat. So die These derer, die Bildung unter das Primat der Ökonomisierung stellen. Etwas positiver ausgedrückt, findet dieser Zeitgeist seinen Niederschlag im Begriff der „beruflichen Vermittelbarkeit“ (employability). Der Absolvent sollte nach seinem Abschluss möglichst schnell und zu möglichst geringen Kosten beruflich vermittelt und im Betrieb eingesetzt werden können. Ganz falsch ist diese Idee nicht, doch stellt sich die Frage, wie sehr die Schule darauf eingestellt werden soll, diese berufliche Vermittelbarkeit in den Fokus der Bemühungen zu stellen. Auf die Hochschule bezogen kann die Frage so gestellt werden: ist es die Aufgabe, der Gesellschaft perfekte Technokraten zu liefern oder Menschen, die in der Lage sind, über das technische Wissen hinaus verantwortliche Entscheidungen treffen zu können?

Wenn Studierende nicht mehr über den Tellerrand ihres Fachgebiets hinaus schauen können, wenn sie keine Zeit mehr für Praxiserfahrungen haben, wenn interkulturelle Kompetenzen in einer globalisierten Ökonomie sich nicht entfalten können, dann ist dies am Ende auch nicht im Sinn der Betriebe und der Ökonomie.

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