Interview – Zeit für mehr Gerechtigkeit

Ist der Begriff der Gerechtigkeit nur noch eine leere Hülle, eine inhaltlose Verpackung, in der sich nichts Wesentliches mehr befindet? Die Frage muss weniger anhand politischer Bekenntnisse sondern auf der Grundlage politischer Ergebnisse beantwortet werden.

Die KAP (Kulturelle Aktion und Präsenz)ist  eine Erwachsenenbildungsorganisation der DG. Mit dem Thema der „täglich erlebten Ungerechtigkeiten“ will sie interaktiv mit den Lesern in Kontakt treten.

Edmund Stoffels, Präsident und Sprecher der KAP: „Die Armut greift um sich und droht immer mehr Haushalte an den Rand zu drücken, auch bei uns. Es ist an der Zeit, dass unbequeme Themen angesprochen werden. Der Ruf nach mehr Gerechtigkeit drängt sich einfach auf!“

Ein Interview.

Herr Stoffels, seit Jahren empfangen Sie ratsuchende Menschen unserer Gegend im Rahmen von vielbesuchten Sprechstunden. Definieren Sie die Zukunftsperspektiven dieser Menschen als unsicher?

Edmund Stoffels:

Die Frage muss gestellt werden vor dem Hintergrund, dass viele Menschen mehr und mehr mit der Unsicherheit über die eigene Zukunft und die ihrer Kinder konfrontiert werden, auch wenn wir, global gesehen, im Vergleich zu anderen Teilen der Welt keinen Grund haben, in eine Depression zu verfallen.

Immer wieder höre ich von den Menschen,  dass die Krise, in der wir z.Z. stecken einen jeden von uns mit Herausforderungen konfrontiert, die bisweilen ans Eingemachte gehen. Die Unsicherheit greift um sich und droht immer mehr Haushalte an den Rand zu drücken, auch bei uns. Natürlich, dessen bin ich mir bewusst, ist das kein Thema für einen fröhlichen, unbeschwerten Bürgerdialog. Jetzt will ich hier keine Untergangsstimmung herbei reden, doch meine ich, dass gewisse Themen angesprochen werden müssen.

Und das meine ich umso mehr, als mir im Bürgerbüro immer wieder Menschen gegenüber sitzen, die mir im Vier-Augen-Gespräch mitteilen, wo wirklich der Schuh drückt. Es sind dies keine Themen, die sich für große Schlagzeilen eignen: es sind die Themen des Alltags. Und manch einem stehen die Tränen in den Augen, nachdem er seine Sorgen erst mal abgeladen hat.

 

Können Sie die Nöte der Menschen an konkreten Beispielen festmachen?

Edmund Stoffels:

Die Energiepreise und die Preise für Nahrungsmittel entwickeln sich in einem Tempo, so dass die Kaufkraft und mit ihr die Lebensqualität von immer mehr Haushalten in Bedrängnis geraten. Die Liberalisierung des Energiemarktes, als Allheilmittel für billigere Energie und bessere Serviceleistungen angepriesen, erwies sich als ein Flop gigantischen Ausmaßes. Die Stromrechnung wird teurer und ein Ende der Preisspirale ist nicht abzusehen, verursacht durch eine Vielzahl von Gründen, die – jeder einzelne für sich genommen – sicherlich stichhaltig sind.

Dasselbe gilt für diejenigen, die mit Gas heizen. Die Heizöllieferanten berichten immer öfter darüber, dass viele Haushalte längst nicht mehr ihren Tank füllen, sondern nur noch begrenzte Mengen einkaufen. Oder dass die Kunden darum bitten, dass die Rechnung gestaffelt wird.

Und nun habe ich noch nicht über die Preise für Diesel und Benzin gesprochen. 70 bis 80 € sind inzwischen normal, um einen Tank zu füllen. In der Eifel auf einen Bus zu warten, ist wohl kaum eine Alternative angesichts des extrem schwachen Angebots. All das muss mit ein und demselben Einkommen bezahlt werden, das sich längst nicht mehr in demselben Tempo entwickelt, wie die Kosten.

 

Die Angst treibt die Menschen um, mit dem Einkommen am Monatsende nicht auszukommen. Es geht also nicht nur um die Energiekosten, oder?

Edmund Stoffels:

Ich möchte uns alle darum bitten, das Thema der Indexierung der Löhne immer wieder zum Thema zu machen, nicht als ein Dogma, wohl aber als das Recht des kleinen Mannes, trotz Inflation und steigernder Lebenshaltungskosten im Winter seine Wohnung zu heizen und nicht bibbern zu müssen, weil die Mazout- oder die Gasrechnung inzwischen unbezahlbar wird. Wir müssen das Thema ansprechen, und zwar aus der doppelten Perspektive der Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe und der Schaffung von Arbeitsplätzen einerseits, und der Erhaltung der Kaufkraft und des Rechts auf ein menschenwürdiges Leben andererseits.

Denn: es bleibt nicht bei den Energiekosten. Reden wir von den Lebensmitteln, deren Preise immer weiter in die Höhe gehen, ohne dass die Produzenten, sprich die Landwirte, den Nutzen daraus ziehen. Wer weiß schon, wie viel z.B. von dem, was ein Liter Milch kostet oder von dem, was ein Brot kostet, beim Milch- bzw. beim Getreidebauern ankommt?

Wie sieht es aus mit dem Wasser, mit den Müllgebühren, mit den Gesundheitskosten? Die beiden ostbelgischen Krankenhäuser schreiben inzwischen bedeutende Summen im Einnahmenhaushalt ab, weil die Patienten ihren Anteil nicht bezahlen können. Ohne von denen zu reden, die den Besuch beim Arzt, in der Apotheke oder im Spital auf später verschieben. Wie menschlich ist noch eine Gesellschaft, wenn wir zusehen, wie immer mehr von unseren Mitbürgern des lieben Geldes wegen ihre Gesundheit und die ihrer Familien, Partner, Kinder, von Oma und Opa nicht mehr pflegen können ?

 

Sind das nicht die Themen der Gelbwesten?

Edmund Stoffels

Möglicherweise. Solange sie friedlich verlaufen, sind die Proteste Legitim. Verlieren wir nicht aus den Augen, dass alle Erhöhungen, so plausibel sie auch sein mögen, für Mazout, Gas, Strom, Benzin, Diesel, Gesundheit, Schule, Nahrungsmittel, Wohnung, Raten oder Mieten, Müll, Wasser, und, und, und … zusammen gerechnet immer aus ein und derselben Brieftasche bezahlt werden, und zwar desjenigen, der mal Verbraucher, mal Kunde, mal als Steuerzahler … heißt, aber immer von ein und demselben Einkommen leben muss. Darf ich daran erinnern, dass einige tausend ostbelgischer Haushalte mit einem Jahreseinkommen unter 10.000 € leben müssen, umgerechnet pro Monat unter 833 €. Bei einem solchen Einkommen tun auch noch so kleine Erhöhungen der Kosten weh.

 

Was kann denn die DG  daran verändern? Nennen Sie uns ein Beispiel, indem auch die DG sich Fragen stellen muss.

Edmund Stoffels:

Mir saß kürzlich eine Mutter, allein erziehend, gegenüber mit einem Berufseinkommen von 1.000 € im Monat – sie ist drei Viertel berufstätig – und Mutter von zwei Töchtern. Die älteste besucht eine Hochschule, die jüngste möchte ebenfalls studieren. Nachdem sie mir vorgerechnet hatte, was eine Studentenwohnung so kostet (etwa 300 bis 350 € pro Monat), was sie aufbringen muss an Studiengebühren, für den Ankauf von Unterrichtsunterlagen …  kam sie zu der Schlussfolgerung, dass sie eine Entscheidung treffen muss, welche der beiden Töchter die Chance zum Studium bekommt. Sind wir uns dessen bewusst, welche Entscheidungen wir von solchen Personen abverlangen?  Sparen konnte sie nichts, da sie am Ende eine jeden Monats froh war wenn überhaupt noch etwas übrig blieb. Ein Einzelfall ?

 

Die Redaktion bedankt sich für dieses Interview.

KOMMENTIEREN